Die Kirche

 

Über die "Alte Pfarrkirche von Morsbach" schreibt Dr. Hans Kisky: "Ihre prachtvolle Lage oberhalb des Dorfes inmitten des alten Fried­hofsbezirkes und malerisch umstanden von einem Kranz alter Bäume, verleiht ihr eine Bedeutung, die über den rein kunstgeschichtlichen Wert weit hinausgeht. Hier haben wir noch eine der mittelalterlichen Dorfkirchen des Oberbergischen Landes vor uns, wie es deren nicht mehr all zu viele in solch guter Erhaltung und solch schöner Umgebung gibt.  Der mächtige fünfgeschossige, nur im oberen Geschoss durch die Schallarkaden und im Sockelgeschoss durch das Portal gegliederte und sonst ganz schmucklose Westturm, der die dreischiffige Kirche beträchtlich überragt, wird zum wehrhaften Wahrzeichen des Ortes und fügt sich doch der Baugruppe insgesamt als beherrschender Ak­zent ein.

 

Von der Chorapsis steigert sich die Anlage über Vorchor und Lang­haus zum Turm, von den Seitenschiffen wächst der Ober­garden des Langhauses empor. Ganz im Sinne der staufischen Architektur gliedert sich so der Kirchenbau zu einer geschlosse­nen, bei aller Nüchternheit der Formen eleganten und wohlproportionierten, ganz in sich ruhenden Gruppe.  Auch das Innere spiegelt diesen Eindruck wieder."

 

Jeder Besucher wird die geschlossene Harmonie im äußeren Aufbau wie im Innern empfinden.

Möge der Besucher aber auch die vielen kostbaren Kunstwerke in der Kirche entdecken und sich freuen über den Schmuck, den die Kirche, die Braut Christi, sich in allen Jahrhunderten anlegt, um sich für den wiederkommenden Bräutigam zu schmü­cken.

 

Der Verfasser hat die bisherigen Baubeschreibungen von Christoph Buchen, aus den "Denkmälern des Rheinlandes" (1967) und die Un­terlagen im Pfarrarchiv als Grundlage für diesen Beitrag verwendet.

 

Im Zuge einer Kirchenbauwelle, die im 12. und 13.  Jahrhundert die Ansiedlungen im Oberbergischen Raum erfasste, entstand in Mors­bach die kräftigste spätromanische Emporenbasilika des Kreisgebie­tes, eine dreischiffige Anlage ohne Querschiff - ein Gegenstück zur Kirche in Wipperfürth.  Die Morsbacher Kirche gehört zu jener Gruppe von Beispielen eben dieses staufisch-romanischen Bautyps, die im Rheinland vor allem im Mittelrheingebiet anzutreffen ist.

 

Dabei ist sie, neben der kleinen Kirche in Meinerzhagen, wohl das am weitesten östlich gelegene Beispiel der nördlich der Lahn beheimateten Gruppe rheinischer Kirchen.  Die Verwandtschaften zu ähnlichen An­lagen (Niederlahnstein, Sinzig, Ander­nach) ist leicht zu belegen.  Die St. Servatiuskirche in Siegburg ist im romanischen Teil deckungsgleich mit der Morsbacher Kirche.  In Siegburg wurde aber der Chorraum, nach dem Vorbild des im Bau befindlichen Kölner Domes, in der Ap­side mit drei gotisch gestalteten Fenstern und gotischem Gewölbe errichtet, die mit den Kranzkapellen am Kölner Dom völlig überein­stimmen.  Die Morsbacher Kirche ist in der Breite mit dem Mittelschiff des Kölner Domes gleich, und der Chorraum hat die gleichen Flä­chenmaße wie die mittlere Kranzkapelle der Domkirche.

Der mächtige fast 31 m hohe fünfgeschossige Turm wurde wahr­scheinlich zuerst gebaut (in der 2. Hälfte des 12.  Jahrhunderts) und hatte wohl auch Schutzfunktion für die Bewohner Morsbachs; der Bau des Kirchenschiffes erfolgte zwischen 1200 und 1250 ebenfalls aus dem hiesigen Grauwacke-Bruchstein.  Die Sakristei entstand im 14.  Jahrhundert.  Spätere Zutaten sind der Baldachin des Südportals, das als Brautpförtchen galt, und die beiden Treppen, die zu den Seitenem­poren führen.

 

An der Außenmauer der Kirche erkennt man über den oberen Fens­tern abwechselnd Rund- und Spitzbögen, die an die Über­gangszeit von der romanischen zur gotischen Baukunst erinnern, so auch der Triumphbogen in der Kirche.

 

Die Kirche: das himmlische Jerusalem

Sie bauten ein "Abbild des Himmels", so wurden vor ca. 25 Jahren die Fernsehsendungen über die romanischen Kirchen und den Dom der Stadt Köln genannt.  Wenn auch sehr viele Kirchen aus der Zeit der romanischen Baukunst stammen, so ist die romanische Baukunst keine christliche Baukunst.  Unsere Vorfahren haben in der Baukunst der damaligen Zeit ein Abbild des himmlischen Jerusalem darstellen wol­len: Die Kirche, eine Stadt!  Durch das Westtor, übermächtig darge­stellt durch den Turm, betrete ich die Stadt.  Die Hauptstraße geht von Westen durch das Triumphtor nach Osten. Der Prophet Ezechiel be­schreibt diesen Weg:

 

"Dann führte der HERR mich zu einem der Tore, dem Tor, das im Osten lag.

Da sah ich, wie die Herrlichkeit des Gottes Israels aus dem Osten heran kam.

Da fiel ich nieder auf mein Gesicht.

Und diese Herrlichkeit des HERRN zog in den Tempel ein durch das Tor, das im Osten lag." (Ez. 43,2,4). 

Durch die drei Chorfenster (Dreifaltigkeit) leuchtet das Licht der auf­gegangenen Sonne,

Sinnbild des HERRN, der von den Toten auferstanden ist und in Herr­lichkeit wiederkommen wird.

 

An der Hauptstraße der Stadt stehen zur rechten und linken Seite die Häuser mit den Wohnungen, unten wie oben. 

Die großen Rundbögen sind die Eingänge zu den Wohnungen, die dreiteiligen Emporenöffnungen, die Fenster der vielen Woh­nungen. Im Mittelalter baute man die Kirchen doppelt so groß wie erforderlich: Im Himmel ist für alle Platz.

"Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen" (Joh 14,2).

 

Die Wohnungen rechts und links der Straße sind offen, ohne Türen oder Portale.  Auch die Fenster sind immer offen.

In dieser Stadt verschließt keiner die Wohnung vor dem "Fremden", den es nicht mehr gibt.

Hier begegnen sich die Menschen wie Brüder und Schwestem, keiner ist dem anderen fremd, alle sind Kinder des einen Va­ters im Himmel. Der Kirchenraum offenbart, wie ich zum Vater stehe und zu den an­deren Menschen. In dieser Stadt ist der HERR mitten in seiner Ge­meinde. Seine Liebe bis zum Tod wird gegenwärtig in der Feier der Eucharistie, der Feier des Todes und der Auferstehung Christi, zu der alle geladen sind.  So möge der Besucher in dieser Stadt verweilen. Hier spürt er die Nähe des Herrn. Hier kann er Gott loben, danken und bitten. So wird dem Besucher der Basilika das Geschenk zuteil, das der Dichter Reinhold Schneider einmal so beschrieben hat: "Eine Kirche versteht nur, wer in ihr niederkniet und betet."